Werner Bräunig – Rummelplatz

Dieses Buch verfasst der Autor 1965 bereits im Alter von 30 Jahren. Als Kriegskind aufgewachsen im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu, ist er in den Wirren der Nachkriegszeit auf sich gestellt. Jugendbande, Rummelplatz, Erziehungsheim, Schmuggelhandel, Republikflucht. Nach seiner Rückkehr 1951 in die DDR folgt die Umkehr: Als Bergmann bei der Wismut, mit Karriere in der FDJ, Eintritt in die SED 1958, Papiermacher, mit Literaturstudium zum talentiert angesehenen Journalisten aufgestiegener Wandzeitungsredakteur – Bräunig weiß seinen Lebenslauf als Paradebeispiel des Arbeiterstaates anzulegen. In der Folge wird er zur 1. Bitterfelder Konferenz mit der Gestaltung des zentralen Aufrufs „Greif zur Feder, Kumpel!“ beauftragt und veröffentlicht entsprechende Milieustudien.

Anfangend bei der sowjetischen Besetzung, beschreibt er auch in diesem Roman die Geschichte durch Protagonisten der Arbeiter bei der Wismut im Erzgebirge und der anliegenden Papierfabrik in anschaulichen Darstellungen und Charakterstudien bis zum Arbeiteraufstand im Juni 1953. Weit ab von Berlin und Halle hält man hier die Reaktionen auf Normerhöhungen für Feindespropaganda über den verbotenen, amerikanischen Besatzungssender RIAS, weiß man doch um die schwierigen Umstände – in Mehrfrontstellung aus Generationskonflikt, aufziehendem kalten Krieg, Ideologie und Agitation – aus dem Nichts heraus zufriedenstellenden Aufbau zu leisten. Selbst als sowjetische Panzer auffahren entspannt sich die Situation zunächst in Scherzen, doch auch hier schlägt die Stimmung um zur Frage

Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt?

Von Bräunig um 1963 als Erziehungs- und Gesellschaftsroman unter dem Titel „Der eiserne Vorhang“ streng chronologisch konzipiert, gerät er als Vorabdruck zwei Jahre später, nach Ulbrichts fehlgeschlagener Wirtschaftsreform und folgenden Maßnahmen gegen die Aufweichung der SED und Verrohung der Jugend durch die Schriftsteller, zum Objekt politischer Interessenskonflikte. Öffentlich geführte Kritiken seitens des Politbüros und anderer Denunziationen wachsamer Genossen der Kulturabteilung des ZK wegen politisch negativer wie moralisch labiler Haltung, führen zu Bräunigs Suspendierung als Dozent am Literaturinstitut. Er selbst löst per Antrag sein Dienstverhältinis bei der Tageszeitung „Freiheit“. Freiberuflich schreibt er noch einige stille, kleinere Bücher und Artikel. Eine verstümmelte Version von Rummelplatz veröffentlicht er nicht und sein zunehmender Alkoholismus macht eine Überarbeitung für günstigere Zeiten undenkbar. Das Manuskript verbleibt bis zu Bräunigs Tod 1976 in dessen winziger Einzimmerwohnung in Halle und erscheint als großer Nachkriegsroman erst 2007.

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