Uwe Timm – Heißer Sommer

Der Autor Uwe Timm wird am kommenden Freitag, den 24.04.2009 um 20 Uhr eine öffentliche Vorlesung an der Leuphana Universität in Lüneburg halten und so knüpfe ich mir im Schnelldurchlauf einige seiner Erzählungen vor, beginnend mit diesem frühen Roman von ihm.

Der Protagonist Ullrich studiert halbherzig in München, als die ersten Studenten die Hörsäle besetzen. Seine vorher unbestimmte Unzufriedenheit wird hier erstmals auch von anderen benannt:

Wir haben uns oft selbst nicht diese Fragen gestellt. Die Frage, für wen man forscht, wer lehrt und vor allem, was man lernt. Diese Fragen werden als unwissenschaftlich diffamiert. Solche Fragen nennen unsere Spektabilitäten schon revolutionär und dann sehen sie rot. (Im Saal wurde geklatscht und gelacht.) Wir müssen lernen, solche Fragen zu stellen, und zwar radikal. Lassen wir beizeiten Tabus auffliegen, mit denen sie, die Herrschenden in diesem Land, ihre Herrschaft in unserem Bewußtsein wie mit einem Minengürtel abgesichert haben.

Ihm wird klar, dass er etwas ändern möchte:

Sich einfach holen, was man braucht. Das Unmögliche denken. Etwas davon muss in diese Arbeit rein. Das muss rein. Sonst war die Arbeit umsonst.

Ullrich verlässt seine Freundin, kehrt München den Rücken und in Hamburg macht er erstmals Bekanntschaft mit den Ideen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kurz SDS. Er engagiert sich, verteilt Flugblätter. Was er damit genau erreichen möchte, ist ihm kaum klar. Alles muss irgendwie anders werden. Auch mit seiner Studienarbeit kommt er weiterhin nicht voran. Schließlich geht er in eine Fabrik, entfernt sich zunehmend von seinen Kommilitonen.

Vor dem habe sie richtig Angst, sagte Renate, und Lister, der sei ungeheuer verklemmt und dogmatisch.
Nottger wußte gleich Bescheid: Ich-Schwäche, die Suche nach einem starken Über-Ich, die Arbeiterklasse oder die Partei als Ersatz für das bürgerliche Über-Ich. Die schleppen nur den ganzen alten Dreck mit, von denen kommt nichts Neues.

Während seine Mitbewohner austeigen und eine autarke Hofgemeinschaft gründen wollen, streitet er sich bei der Arbeit mit Petersen, einem Sympathisanten der DDR:

Dieser unkritische Dogmatismus.
Diese undialektische Praxisferne.
Ullrich kam sich wie in einem Boxring vor. Er saß am linken Kopfende des Tisches, Petersen am rechten. Dazwischen die Lehrlinge. Redete Petersen, sahen die Lehrlinge nach rechts, konterte Ullrich, sahen die Lehrlinge nach links. Manchmal manchmal mußten sie die Köpfe ganz schnell hin und her wenden.(…)
Der Gedanke an den Streit mit Petersen quälte ihn. Er hatte wütend gegen Petersen argumentiert, aber zugleich hatte er oft Zweifel an dem gehabt, was er sagte. Er hatte seine eigenen Zweifel niedergeschrien.

Als Conny, der Rädelsführer des SDS, schließlich zu den Waffen ruft, ist für Ullrich inzwischen klar, dass er sein Studium beenden und Lehrer werden will:

Conny hatte mit der Pistole herumgefuchtelt: Wir brauchen Waffen. Die andere Seite ist doch schon dran. Bundesgrenzschutzeinsatz gegen streikende Arbeiter, Notstandsübungen, Panzerspähwagen für die Bullen.(…)
Die Revolution machen nicht ein paar Intellektuelle mit einem Colt in der Jackentasche, hatte Ullrich gesagt. Da gibt es nur den langen organisierten Weg in die Betriebe, in die Universitäten, in die Wohngebiete. Mit den Arbeitern, für die Arbeiter.

Ein schönes Stück subjektiver Alltagsgeschichte, dabei voll detaillierter Beschreibungen historischer Politik- und Gesellschaftsentwicklung und damit als literarische Form der Oral History zu betrachten, denn Uwe Timm selbst ist ebenfalls in dieser Zeit aufgewachsen und betätigte sich politisch im SDS.

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