Sommerlektüre 2009

Sommerlektüre 2009Mit einem echten Klopper zum Abspannen in Toulouse startete meine Liste mit F. M. Dostojewskis Raskolnikow, besser bekannt als Schuld und Sühne oder neuerdings Verbrechen und Strafe. Der Sommer ist oftmals Krimizeit. Dieser bereits 1866 erschienene, erste große Roman des Autors kann als Urform der psychologischen Täterstudie gelesen werden und ist in seiner umfangreichen Gesellschaftsbetrachtung sozial- revolutionär verankert. Der talentierte, dabei prekär lebende Student Raskolnikow ermorded eine wuchernde Pfandleiherin und scheint damit nicht durchzukommen, Beweise gibt es jedoch keine. Motiv und Antrieb, was treibt jemanden zu dieser Tat, gibt es einen perfekten oder sogar gerechtfertigten Mord – diese Fragen umkreist nicht nur der zunehmend dem Wahnsinn verfallende Täter. Familie, Freunde, Bekannte und die Polizei – alle entwickeln ihre ganz eigenen Theorien und jeder wird in diesem Buch nachgegangen. Am Ende drohen Sibirien oder der Tod.

Entlang der Mosel reisend, ich habe wenig Lust auf zerstückeltes Lesen, bot der von Oliver Lubrich zusammengestellte Sammelband Reisen ins Reich 1933 bis 1945 eine düstere Kulisse. Ausländische Autoren berichten aus dem Deutschland dieser Zeit. Von der Diplomatentochter über Korrespondenten bis zum Landstreicher treten in Briefen, Tagebucheinträgen und anderen Notizen unterschiedlichste Wahrnehmungen und Stimmungen zu Tage, die vor allem immer den privaten Einblick bieten. Teilweise selbst korrigierend oder mit den Tagesgeschehen sich wandelnde Momentaufnahmen, formen so ein facettenreiches Bild der Zeitgeschichte. Den Anspruch auf Vollständigkeit kann sowas natürlich nie ganz erfüllen. Deutlich erkennt man aber, mit welchem Stellenwert hier persönliche Schriftkultur erachtet und dementsprechend gepflegt wurde.

Autobiographisch, mit allen damit einhergehenden persönlichen Blockaden, kommt J. R. Moehringers Roman Tender Bar zum Sommerende daher. Dabei liest man bemerkenswert, eingängig fließend die Geschichte eines kleinen Jungen auf der Suche nach Vorbildern, Identität und dem Hunger nach mitreißenden Erzählungen – dem Geheimnis des Lebens und Schreibens. Seiner Mutter verpflichtet, vom Vater im Stich gelassen und unter dem großelterlichen Trümmerdach aufwachsend, sind es zunehmend die Männer aus der Bar, mit denen er sich verbunden fühlt, während er erste Freundinnen, das fremdbleibende Yale und seine schier endlosen Probejahre durchkämpft.

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