Friesische Tischgeschichten

Friesische Tischgeschichten
Alle guten Reiseeindrücke begleiten die dazugehörigen Geschichten und besonderes Augenmerk gilt hier doch vor allem den kulinarischen Erlebnissen. Beim Anblick der Bilder, ob hier verlinkt oder denen im Kopf, bei Inselreisen denke ich an Fisch, bekomme Appetit auf Muscheln und Deichgetier. Erinnerungen an vormals Aufgetischtes und ich bin voll freudiger Erwartungen. Diesmal fängt allerdings alles schon etwas anders an. Die von Baustellen vergrätzte Autobahnzuckelei steckt noch in den Knochen, aber wenn die Brühwurst mit Grog an Bord der in Urlaubsstimmung schaukelnden Fährfahrt auch umstandslos lockt, ist wieder einmal die Neuharlingersieler Fischereigenossenschaft unsere erste Anlaufstation. KipperlingeBisher unbekannte Kipperlinge stehen angeschlagen und werden auf Nachfragen als gebratene Schellfischstücke erklärt und bestellt. Knusprig paniert und mit dickem Klacks Remoulade zu Pommes erinnert das zwar mehr an einen Kinderteller, aber saftig und schmackhaft sind sie dann zugegebenermaßen doch. Damit widerstehen wir den Verlockungen an Deck und sind bis zum Abend noch so abgefüllt, dass uns Gorgonzlaüberbackene Schnecken und Tomatensuppe mit Gin im Spiekerooger Restaurant De Balken zwar für den Moment glücklich macht, mich allerdings zu späterer Stunde auch noch innige Bekanntschaft mit der ferienhäuslichen Kloschüssel im Haus Lieke Deeler machen lässt. Kopfüber, wohlgemerkt.

Da sind sie erstmal dahin, meine Erwartungen und mein Bedarf an Fisch oder ähnlichem gedeckt. Keine Experimente, heißt jetzt die Devise und damit fährt man hier in der Regel gut. Besser, man läuft, denn die Insel ist autofrei und das ist an dieser Stelle auch das Stichwort. Teetied beim Spiekerooger InselbäckerAusgiebige Spaziergänge an weiten Stränden stehen nämlich ganz oben auf unserem Programm und trotz anhaltendem Inselregen stemmen wir uns dem böigen Wind entgegen, werden mit aufgepeitschten Meerblicken entschädigt und lassen uns bei der besten Rumflockentorte der Welt zur anschließend zeremoniellen Teetied beim Inselbäcker aufwärmen. Beim Eintritt grüßen die bereits eingetroffenen Gäste, nebenan ein Ehepaar aus Berlin, denn man kennt sich auf dieser kleinen Insel. Selten vorher, aber bereits nach wenigen Tagen ist man hier so gut wie jedem schonmal über den Weg gelaufen und in den engen Gassen des urigen Dorfkerns zählt das friesische Moin zum guten Ton. Auch für Touristen.

So fühlt man sich schnell angekommen, braucht keinen Schnickschnack, eine abendliche Pizza im Bahnhof ist uns Abenteuer genug. Pizza im Spiekerooger BahnhofZugegeben, der Belag mit Austernpilzen und Speck ist jetzt nicht der crazy shit, aber das Drumherum: Unbezahlbar! Damit meine ich weniger die Einrichtung, typischer Bistrostil mit großem, dunkelholzigen Barbereich, sondern wieder einmal die Menschen. Gleich nach uns trifft das Berliner Duo, unsere Tischnachbarn vom Bäcker, ein. Moin! Ok, so ein Wiedersehen kann hier schonmal passieren, ich sagte es bereits. Die eigentliche Spannung baut sich aber auf, als der Inselpolizist heranpoltert – Typ kräftiger Friesenjäger im groben Vliessgrün, sehr groß, breiter Körperbau, eine imposante Erscheinung. Ein Othmar, ja, bestimmt heißt er so. Sein Dienstfahrzeug parkt Othmar kurzerhand in der Tür. Ein Fahrrad natürlich. Doller Auftritt! Mit schmetterstarker Stimme verlangt er nach Christian. Christian, auf Spiekeroog reicht bereits der Vorname zur erkennungsdienstlichen Maßnahme. Christian vom Bahnhof, allerhöchstens, und der muss sich jetzt wohl mal ganz warm anziehen, denke ich, als die tatbeständigen Einzelheiten ohne Umschweife und dank des wenig diskreten Polizistenbasses durch das Bistro donnern: Falschgeld, bei Sander an der Kasse. Da muss er zum Verhör. Jeder, der den Schein in der Hand hatte und da Christian den aus dem Automaten gezogen habe, ist er jetzt fällig. Ich fantasiere, wie ein ganzer Trupp von fahrradreitenden Polizisten bereits alle Ausgänge umstellt hält – what a thrill – als Othmar bestimmt: „Wann haste Zeit? Kommste morgen mal rum, ne?“ und das wars dann. Schon radelt er wieder davon. Ist eben ne Insel, Abhauen ist nicht. Pizza, Mafia und Inselbullen – eine Krimigeschichte wie aus dem Tatort.

Käse von Spiekeroogs SchöderDie folgenden Tage ziehen beschaulicher an uns vorbei. Sauna und Meerwasserschwimmbad schieben wir ein, als wir vom Inselregen dann doch zwischenzeitlich mal die Schnauze voll haben. Die Abende gestalten wir gemütlich zu Hause, mit Käse und Rotwein von Schöders, für hiesige Verhältnisse, herausragend sortiertem Feinkostlädchen. Ein zwar stürmischer, dafür überwiegend sonniger Spaziergang zum alten Fähranleger ist auch nochmal drin und an dem Abend gönnen wir uns ein Essen im traditionsreichen Hotel zur Linde. Als ich vor Jahrzehnten das allererste Mal mit meinen Eltern nach Spiekeroog kam, haben wir hier übernachtet. In einem der oberen Zimmer, mit Blick auf den knorrigen Baum und ein paar Jahre dazwischen haben wir eben hier nochmal an einem Silvesterbuffet teilgehabt. Diesmal bekomme ich superzartrotrosanes Rostbeef mit Bratkartoffeln von Willi und Willi zeigt sich als noch so ein Inselunikat. Ein Kellner, wie man ihn nur viel zu selten noch findet. Grauhaarig, sonorig dezent, aber mit Witz führt er durch den Abend und wie er zum Abschluss die Dessertkreation des Hauses aus vielerei Schokoladigem mit brennender Wunderkerze an unseren Tisch bringt, fühle ich mich tatsächlich in der Zeit zurückversetzt. Ein Traum! Am nächsten Tag treffen wir ihn nochmal wieder, natürlich auf dem Fahrrad. Hintendrauf steht Williexpress. Super, oder?

Dem Berliner Gespann sind wir selbstverständlich auch wieder begegenet. Am letzten Abend im Inselzauber, bei mediterran angehauchter Küche mit andalusischer Knoblauchsuppe, schwarzem Meeresfrüchterisotto und Lammcarré versichern Sie eilig, dass sie uns keineswegs verfolgten und bestimmt am nächsten Mittag abreisten. Genauso wie wir. War ja klar.
Friesische Tischgespräche 2

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6 Antworten auf “Friesische Tischgeschichten”


  1. 1 lamiacucina 05. Oktober 2009 um 19:53 Uhr

    ich lese gerne Geschichten wie diese ! Nur an einer Stelle hast Du dick aufgetragen: „Als ich vor Jahrzehnten das allererste mal mit meinen Eltern nach Spiekeroog….“

  2. 2 kulinaria katastrophalia 06. Oktober 2009 um 0:46 Uhr

    Gin mit Tomatensuppe — gar schröcklich! :o

  3. 3 alissa 06. Oktober 2009 um 9:43 Uhr

    Lach… toll zu lesen – schöner Beitrag… dieses friesische Teeservice hatte meine Mutter in unserem Ostfriesischen Ferienhaus. Ich habe schöne Erinnerungen an viele Ferien in Ostfriesland und die Inseln.

  4. 4 Ilse aus München 06. Oktober 2009 um 9:48 Uhr

    Wieder ein Grund, mich vor der Arbeit zu drücken! diese schönen Gastro-Abenteuer! und die mit Gorgonzola überbackenen Schnecken – habe ich richtig gelesen? es würgte mich …

  5. 5 Administrator 06. Oktober 2009 um 11:19 Uhr

    @ lamiacucina: Charmant! Ich muss zugeben, ich habe beim Schreiben auch kurz gestutzt, kann das aber tatsächlich so stehen lassen.

    @ kk: Ich habs ehrlich gesagt gar nicht rausgeschmeckt.

    @ alissa: Ah, noch ein Nordlicht!

    @ Ilse: Wobei jetzt, Gorgonzola, Schnecken oder der Kombination? Ich fands ne ganz gelungene Abwechslung zum üblichen Knoblauchsud.

  1. 1 Krabbensuppe « Schnick Schnack Schnuck Pingback am 06. Oktober 2009 um 10:57 Uhr
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