In Cala Ratjada

Cala RatjadaDiesen Küstenabschnitt hatte ich gedanklich auf einem Niveau mit der berühmt berüchtigten Schinkenstraße bei Palma verortet und bin doch einigermaßen verblüfft, als wir in ein übersichtliches Örtchen im lauschigen Pinienwald einfahren. Die hier an allen Küstenlagen typischen Bausünden findet man wohl genauso kurz vor dieser Promenade und gerade so früh im Jahr erinnern die oftmals an abgehalfterte Westernstädtchen, die man vielleicht Miami nachempfunden haben mochte. Da war ich zwar auch noch nie, aber darum geht es ja gar nicht. Erreicht man nämlich alsbald das Ufer, überrascht eine recht verwunschen zerklüftete Küste. Wenige, winzige Strandabschnitte mit feinhellem Sand und azurblauen Buchten leuchten zwischen den Klippen, umrankt von Palmen, Kakteenpflanzen – wirklich hübsch. So klettern wir dann über Stock und Stein bis zum Leuchtturm, spazieren am Hafen zurück in den Sonnenuntergang. Revidieren unser Urteil zugleich angesichts der immer wieder einladend wirkenden Restaurantangebote zwischen armselig leer wummernden Italotechnobars. Hier herrscht eine durchaus solide Mischung aus billigem Amüsement und erlesenerem Geschmack.

Bucht Leuchtturm

Entsprechend ermuntert betreten wir daraufhin das Restaurant El Cactus, mit sonorigen Gästen an Fensterfront sitzend. Man begrüßt uns in rheinischer Herzlichkeit gar schulterklopfend, die Besitzer offenbar aus Solingen. Für reservierte Hamburger mutet das erstmal distanzlos an, eigentlich erwarteten wir aufgrund der Speisekarte spanische Lebensart, jedoch die rusikal gehobene Einrichtung gefällt uns und irgendwie gehört dieses deutschmallorquin wohl eben doch zu einem echten Inselerlebnis. Aioli, Brot, Oliven landen wie so oft ungefragt auf unserem Tisch. „Lecker, lecker, lecker!“, schallt uns die Bedienung damit entgegen. Was war das? Mit ebensoviel Hallo und Traraa führt nun der Chef des Hauses neu eingetroffene Gäste an den Nebentisch. Offenbar alte Bekannte, denn schnell wie ungeniert dringen die Internas durch. Ein Spanier habe vermeintlich im Suff sein Auto geschnitten, Policia, keine Alkoholkontrolle. Der habe ihn doch genau erkannt, vorher noch gehupt. Ein Anschlag? Uns wird etwas mulmig, der lederbewestete Gast mit speckig, graumeliertem Pferdeschwanz entspringt nicht unbedingt unserm Bild einer Rechtsberatung. Sicherheitsfirma, erfahren wir später, hier im Ort. Werde das schon regeln. Dafür bekommt er eine extragroße Lammkeule, wie die Bedienung ihm versichert. „Lecker, lecker, lecker!“ tönt auch wieder der Chef, als er unsere Vorspeisen bringt: Frittierte Tintenfische und Kaninchenleber. Für einen Moment wenden wir uns den wirklich wichtigen Dingen zu. Es schmeckt, beides.

Zum Hauptgang bekommen wir nicht nur den geschmorten Karnickelrest, etwas dröge leider, mit Aprikosen sowie eine Fischplatte mit dreierlei, aber auch einem durch und durch gebratenem Thunfisch. Uns gegenüber nimmt außerdem eine Mannschaft jüngerer, von alkoholschwangerer Nacht schwer gezeichneter Mitteldeutscher Platz. Röhrig trifft jetzt auch das „Lecker, lecker, lecker!“ auf seine wohl passendere Zielgruppe, die in ebensolchem Timbre die vergangenen Stunden zu rekonstruiren sucht, bis.. „Hallo Papa!“, Herr und Sohn tragen tatsächlich dasselbe hässlich grünweiß gestreifte Hemd, „Na, könnt ihr schon wieder?“ – der ganz normale Wahnsinn neureicher Autohausdynastie bestimmt in Nullkommanix das vorgebliche Ambiente, verdeutlichend, wie es hier in der Saison so zugeht unter Deutschen auf Malle. La cuenta, por farvor!

Kaninchenleber Hauptspeise

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4 Antworten auf “In Cala Ratjada”


  1. 1 ilse aus Minga 24. März 2010 um 10:35 Uhr

    oh je ihr habt hoffentlich noch etwas spanischeres gefunden auf der Insel!! die wackere Ironie der „soliden Mischung aus billigem Amüsement und erlesenerem Geschmack“ hat mich auch amüsiert.

  2. 2 Schnick Schnack Schnuck 24. März 2010 um 15:56 Uhr

    Oh ja, da kommen noch ganz andere Geschichten!

  3. 3 kulinaria katastrophalia 25. März 2010 um 0:42 Uhr

    Die Gutscheine der FR sind ja dort auch gültig :D

  4. 4 Schnick Schnack Schnuck 25. März 2010 um 7:03 Uhr

    Mehrere deutsche Radiosender, Magazine etc. sitzen auch vor Ort. Gruselig, echt mal.

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