Tour d`Huîtres

Austern? Diese schleimig glibbernden Dinger? Bäh! Nicht für mich, bitte, ich bin ein Miesmuschelkind. Schon früher hab ich die tonnenweise verspeist. Muscheln und Fritten, was braucht der Mensch mehr? Ok, Mousse au Chocolat natürlich und eigentlich sollte dies auch solch entsprechender Bericht werden, denn ich nahm mir bereits zu Beginn unserer Reise, angesichts der allerorts günstigen Mittagsmenueangebote vor, diese en Blog mit euch zu teilen. Für 12 bis 15 Euro gibt es Kompositionen aus kleiner Vorspeise, Moules et Frites und einem Dessert nach Wahl. Mousse à la Maison für mich, klar.

Beim Mittagessen in Honfleur haben wir dann Premiere, die Muscheln und ich und die Mousse sowieso. Lecker sind die, wie erwartet, denn streng genommen kann man damit nicht viel falsch machen. Einmal hatte ich als Kind allerdings eine Vergiftung davon getragen, denn schon eine miese Miesmuschel, vermag das Vergnügen zu korrumpieren. Danach ist mir lange Zeit der Appetit vergangen und ehrlich gestanden hab ich mich erst vor knapp zwei Jahren wieder rangewagt, manchmal probiert, aber immer wenn ich mir jetzt eine ganze Portion einverleibe, sieht es wenige Stunden später düster aus und mein Magen rebelliert bösartig und solange, bis alles wieder raus ist. So auch diesmal, in Honfleur, wo ich das nächtliche Panorama nur noch schwerlich genießen kann und meinen Muschelnundfrittenbericht buchstäblich ins Wasser fallen sehe.

Moules et Frites Clowns
Honfleur bei Nacht

Immer machte ich Händler und Restaurantbesitzer verantwortlich, doch das können nicht alles schwarze Schafe gewesen sein? Eiweißallergie, alarmierte mich mein Vater zwischenzeitlich telefonisch, besonders Fischeiweiß, sei für viele schwer verdaulich und ich solle mich doch bitte schön vom Meeresgetier fernhalten. Sowas kann tötlich enden. Ja klar, wir schippern die Küsten Frankreichs ab und nichts davon soll für mich sein? Auf normannischer Seite halte ich noch verzweifelnd durch, aber als wir unser Maritimzimmer im Herrenhaus beim bretonischen St-Malo beziehen und abends zum Essen in Cancale überall die besten Austern der Welt angepriesen bekommen, änder ich kurzerhand alle Vorbehalte, Pläne und Vorsehungen. Was soll ich sagen? Die Meeresfrüchteplatte ist fantastisch, Austern werden neben Zitrone noch mit einem milden Essig mit würzigen, roten Zwiebeln gereicht und ich schlorze ratzeputz alles mit einem Sancerre runter. Der Eiweißallergiehokuspokus findet damit seinen Abschluss und nebenher erweist sich diese Mutprobe als kulinarischer Türöffner für mich, denn die Austern haben mir bestens geschmeckt. Es war mir ein Fest!

Marinezimmer Meeresfrüchte in Cancale

Bei einem weiteren Mittagsstop in La Rochelle sind sie wieder da, diese verführerischen Menueangebote und mein eigentlich vegetarischer Mitreisender freut sich so wie ich sonst auf Muscheln und Fritten während ich nur noch eins will: Austern. Die integriert man hier auch wie selbstverständlich als Vorspeise, mit Entrecote stellt man mich zum Hauptgang völlig zufrieden, und während wir so zutzelnd und schlürfend am Hafen sitzen, bekommen wir sogar noch die herausragende Streikkultur der Franzosen präsentiert. Erst schallen Lautsprecherwagen um uns herum und wir verstehen erstmal kein Wort. Dann aber liefern sich augenscheinlich Gewerksschaftsjugendliche unterschiedlichster Couleur Stellungsspiele rund um den Platz, einige springen sogar ins Hafenbecken. Schließlich ertönen Polizeisirenen und wir verlassen zunächst sicher das Spektakel, aber als unsere Fähre später in Royan partout nicht nach Aquitanien übersetzen will, sind wir doch wieder mittendrin statt nur dabei.

La Rochelle Streik
Austern

Am Becken von Arcachon geht unsere Reise fließend in Urlaub über, denn hier verweilen wir eine gute Zeit. In Andernos-les-Bains frühstücken wir in der Markthalle: Austern und Wein für mich, s‘il vous plaît. Ganz unaufgeregt und ebenso beschaulich wie pompös beschließen wir unseren ersten Ruhetag beim Sonnenuntergang auf der Dune du Pyla, der größten Wanderdüne Europas.

Andernos Austern vom Markt
Dune du Pilat

Das mit den Austern will ich jetzt aber genauer wissen und rund ums Bassin bieten die unzähligen Farmdörfer tolle Einblicke in die Kultivierung und Pflege dieser sensiblen Meeresbauernwirtschaft. Die Fischer bringen die Austern hier in Körben an Land, in Klärbecken werden sie ordentlich durchgespült und probieren darf man selbstverständlich auch.

Village de L`Herbe Austernverkauf
Austernkörbe Klärbecken
Austern Strand
Verköstigung am Becken

Kisten Skulptur

Zwischen Skulpturen und allerlei Zubehör sind hier regelrechte Verköstigungsterrassen ans Ufer gezimmert und auch wenn die Saison leider erst wieder im April losgeht, die Küchen für uns also verschlossen bleiben, man kann stets wunderbar stöbern.

Tische und Stühle Torwächter
Höfe und Gassen Boule

Wir fahren zum Essen weiter die Landzunge heraus nach Cap Ferret und am Hafen mit Blick auf die Düne bekomme ich doch noch meine Austern auf den Teller und eine Meerbrasse dazu. C`est la Vie.

Quartierskarte Austern in Cap Ferret
Meerbrasse Belisaire

Auch in Andernos-les-Bains haben sich die Austernfischer in ihren Cabannes eingerichtet und umschippern die Gezeiten, die das Becken zeitweise leerlaufen lassen. Wir spazieren am Strand weiter in den Ort.

Austernfischerdorf Caban
Bassin Dégustation

Hier werden auch wir verköstigt, also eigentlich nur ich, für meinen Mitreisenden bleiben Fritten, während ich einfach alles order, was die Karte hergibt. Das sind nämlich ausschließlich Austern im Dutzent mit einem traditionellen Würstchen, das die Eiweißverstoffwechselung unterstützen soll und eben Fritten. Die Flasche Wein dazu ist für alle obligatorisch, auch Vormittags, und das Publikum rangiert von einem rustikalen Damenkränzchen über Geschäftsleute bis hin zu Fahrradfahrern.

Service Austernschlürfen
Austern

Auf der Rückreise scheint der Streik vorerst beendet, in Verdon-sur-Mer müssen wir nur kurz auf die Fährfahrt über die Gironde warten. Darauf ist man eingerichtet, die Mittagsmenues lachen aus allen Ecken und für mich gibts noch schnell Austern. Mousse au Chocolat zum Dessert endlich wieder, dann stechen wir ins Meer. Ja Meer, denn die zwei großen Flüsse Gironde und Dordogne sind so groß, dass sie an dieser Stelle auch als Meer bezeichnet werden. Das Weinbaugebiet dazwischen heißt darum Entre-deux-Mer und dessen Weißwein passt bestens zu meinen neuen Meeresfreunden. Immer.

Austern bei Verdon-sur-Mer Mousse au Chocolat
Fähre nach Royan

Auch wenn mit der Überfahrt der Regen einsetzt und uns bis Hamburg beinahe durchweg begleitet, werfen wir noch einen Anker in der Bretagne aus. In La Trinité-sur-Mer gibt es nämlich einen großen Yachthafen und ähnlich gute Austern wie in Cancale. Zum Abschied. Für den Mitreisenden Petersfisch und tatsächlich ganz zum Schluss entdecken wir ein Dessert, das womöglich in der Lage sein könnte, eine gute Mousse au Chocolat aus dem Rennen zu schlagen: Den Café Gourmant. Reisen bildet.

Bretonische Meeresfrüchte Fisch
Café Gourmand La Trinité-sur-Mer

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11 Antworten auf “Tour d`Huîtres”


  1. 1 nata 05. Oktober 2010 um 12:55 Uhr

    Das ist einfach traumhaft. Die Muscheln, die Fritten, die Austern, die Tour, das Land, – einfach alles!

  2. 2 Freundin des guten Geschmacks 05. Oktober 2010 um 13:24 Uhr

    Da schließe ich mich Nata voll an. Wenn ich nicht am Donnerstag für 4 1/2 Wochen verreisen würde, wäre ich jetzt neidisch. so aber wünsche ich Euch das Allerbeste.

  3. 3 lamiacucina 06. Oktober 2010 um 7:30 Uhr

    Spannender Bericht. So frische Austern würde ich auch gerne mal probieren. Mit einem Sancerre.

  4. 4 KochSchlampe 06. Oktober 2010 um 11:04 Uhr

    Hmm. Ich bin von Austern immer noch nicht recht überzeugt. Mein bisher einziges Austernerlebnis, wo ich tatsächlich mal eine probiert habe, war gratinierte Speckauster. Durchaus nicht falsch, aber mit fehlt auch nichts, wenn ich sie nicht in meinem Leben habe.

  5. 5 Mestolo 07. Oktober 2010 um 7:25 Uhr

    Wunderschöne Fotos, die machen Ferweh :)

  6. 6 Schnick Schnack Schnuck 07. Oktober 2010 um 8:42 Uhr

    @ nata: Urlaub ist immer ein Traum.

    @ Freundin dgG: Das ist stattlich, wo gehts denn hin?

    @ lamiacucina: Direkt am Wasser schmeckts natürlich doppelt so gut.

    @ KochSchlampe: So ging es mir auch, bis zu diesem Urlaub.

    @ Mestolo: Mit den Bildern nimmt man sich einfach ein Stück Ferien mit nach Haus.

  7. 7 Frau Sonntag 07. Oktober 2010 um 11:21 Uhr

    Oi, lecker. Der Mensch braucht wirklich nicht mehr im Leben:-) Austern und/oder Miesmuscheln mit Pommes, eiskalter Weiswein.
    Ich ziehe um in die Normandie. Ganz sicher.

  8. 8 ilse aus Minga 07. Oktober 2010 um 16:54 Uhr

    Das Wort Traum ist das einzige was hier passt. Diese Austernorgie…diese Bilder…Normandie und Bretagne stehen jetzt noch höher auf meiner Reiseliste!

  9. 9 Schnick Schnack Schnuck 07. Oktober 2010 um 23:21 Uhr

    @ Frau Sonntag: Dann aber bitte nicht den Cidre vergessen, da kann sich der Weißwein auch gern mal hinten anstellen.

    @ ilse: Willkommen zurück und schon am Pläne schmieden. Das gefällt mir!

  1. 1 London Food Art « Schnick Schnack Schnuck Pingback am 29. März 2011 um 18:42 Uhr
  2. 2 Bretagne: Austernessen in Cancale « Schnick Schnack Schnuck Pingback am 30. September 2012 um 17:08 Uhr
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