À la Maison in Aquitanien

Hach, Urlaub! Unendliche Weiten. Mal ehrlich? Die ersten Tage fraßen wir vor allem Kilometer. Romantische Normandie? Von wegen. Freizeitstress pur hatten wir uns innerhalb weniger Tage mit unserem Sightseeingprogramm auferlegt, um diese Mitteletappe zwischen zwei lahaangen Autostrecken mit allerlei Sinn und Unsinn zu füllen. Zielstrebiges Austrudeln vom Alltag nenn ich das mal. Ich möchts nicht missen, aber Erholung sieht anders aus. So!

Reh

Keinerlei kulturelle Sehenswürdigkeiten gäbe es in dieser Gegend Aquitaines, südwestlich von Bordeaux am Atlantik, beruhigt uns ein durchs Ferienhaus dümpelnder Reiseführer. Pinienwälder, endlose Sandstrände, sonst nix. Ok, die Wanderdüne sei ein Highlight, das haben wir ja nun bereits abgefrühstückt und ich schwöre, die hat sich kein Stück bewegt während wir da waren. Austerndörfer dösen versonnen ums Bassin. Die Markthalle von Andernos durchschlurfen wir schon in merklich gedrosseltem Tempo, sinnierend, Entschleunigung sei das Zauberwort, dabei ist die längst allgegenwärtig.

Kochen? Och, die haben doch alles hier, vom Feinsten. Grandiose Fertiggerichte: Gefüllte Täubchen, hochwertige Beilagen. Ich entscheide mich für Feigen, mit Stopfleber gefüllt und Crépinettes, kleine runde Fleischbräteier mit Stopfleber und Trüffel im Schweinenetz. Die brate ich umstandslos zu Hause an, nebenher wärmen die Feigen im Ofen. Riesige Steinpilze liegen gleich daneben und die verarbeiten wir grad noch selbst, mit untenrum Salat. Dann ab annen Strand!

Markthalle Stopflebergefüllte Feigen
Crépinettes auf Steinpilzsalat Steinpilze
Strandpanorama

Klar, zum Strand. Nur weil für hiesige Franzosen bereits Herbst ist und sie sich höchstens noch in Vollmontur zu einem Spaziergang herablassen, braucht niemand sein Badetuch daheim lassen. Ein windgeschütztes Eckchen suchen wir uns zwar, aber dann ist hemmungsloses Sonnenbaden selbst für einen Frostködel wie mich kein Tabu mehr. Tosende Atlantikwellen machen es einem bald leichter das wilde Nass zu stürmen, als wenn man sich an kaltstummer Ostsee auf Zehenspitzen einzuschleichen versuchte. Strandwacht hält außerhalb der Saison die Schotten dicht, darum schwimmt man nach ein zwei Brechern auf Augenhöhe lieber nicht zu weit raus. Die Unterströmung kann hier tückisch sein.

Zum Aufwärmen gibts Hummersuppe aus dem Glas. Vom Fischguru, quatsch, Markthöker. Beim meditativ eigenhändigen Käseraspeln findet schließlich jeder seine eigene Schüsselmitte.

Strandwacht Soupe de Homard

Sollte es doch mal regnen, bleiben einem immer noch Kaffee und diese wahnwitzig künstlerisch zirzenden Kuchenkreationen, die einen Backmuffel wie mich wohl vor Neid erblassen ließen, hätten wir uns nicht wohlweislich, bloß keinen Druck, für die bodenständigen Varianten marokkanisch und bretonischer Art entschieden.

Regenwald Marokkanischer Kuchen
Bretonischer Kuchen Grille
Esszimmerblick

Faux Filet Bratkartoffeln mit Steinpilzen

Sonne raus, Fleischbeschau! Alternativ guckt sich mein eigentlich vegetarischer Mitreisender eine der Beilagen vom Markthallenbuffet ab, um dessen Geheimwaffe, Gänseschmalz, zu umgehen: Bratkartoffeln mit Steinpilzen. Purer Genuss. Das Fleisch muss sich keineswegs hinter etwaigen Meeresfrüchten verstecken, geht auch gar nicht, wie man anhand dieses Faux Filets vom aquitanischen Riesenrindvieh vielleicht noch erahnen kann. Die verstehen hier eindeutig was vom goldenen Schlachterschnitt, falls es so etwas überhaupt gibt, und unterschlagen mir glückseelig an der Theke naseplättendem Endkonsumenten nicht einen Fitzel. Marmorierung, Umrandung wie Augen gehören verdammtnochmal dazu und satte 600 Gramm bringt sowas dann auf die Waage, wenn es rückwärtsgebraten mit butterzarten Fleischfasern und Fett wie Marzipan auf der Zunge schmelzen soll. Da brauchts eben auch nicht mehr.

Rückwärtsgebratenes" Im Anschnitt

Fin

Im Atlantik

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14 Antworten auf “À la Maison in Aquitanien”


  1. 1 sammelhamster 08. Oktober 2010 um 7:39 Uhr

    Ach, wie schön!
    Meer, Wind, gutes Essen, ich bin dabei :-D

  2. 2 Suse 08. Oktober 2010 um 10:15 Uhr

    Leben wie Gott in Frankreich! Da steckt schon viel Wahrheit hinter…

  3. 3 Christina 08. Oktober 2010 um 12:33 Uhr

    Ich liiiebe die französische Atlantikküste! In Lacanau/St. Girons/Hossegor sind wir oft in Massen eingefallen – die Jungs waren surfen und die Mädels haben gefuttert – so kann man gut leben! ;-) )

  4. 4 Claus 08. Oktober 2010 um 13:02 Uhr

    Super! Klasse fotos!
    Die Wolken am Strand machen mich irgendwie nervös.

  5. 5 nina 08. Oktober 2010 um 14:45 Uhr

    So, die Wanderdüne hat sich nicht bewegt?! Hast Du Dich schon beschwert? So was macht doch den ganzen Urlaub kaputt, da ist das gute Essen nur noch zweitrangig! Wieviele Kilos hast Du eigentlich zugenommen?
    Ich platze fast vor Neid über diesen wunderschönen Urlaub! :)

  6. 6 lamiacucina 08. Oktober 2010 um 18:02 Uhr

    sogar die Fühlantennen der Heuschrecken sind hier grösser als bei uns. Ein gesegnetes Land.

  7. 7 Kristina (Trivial Bliss) 08. Oktober 2010 um 23:28 Uhr

    Tolle Fotos, guter Text. Habe die Seite durch Zufall gefunden und bin begeistert. Ich könnte sofort losfahren…

  8. 8 Schnick Schnack Schnuck 09. Oktober 2010 um 10:14 Uhr

    @ sammelhamster: Ist besser als ne Postkarte, nicht wahr?

    @ Suse: Mon Dieu, aber siescher!

    @ Christina: Als Kind habe ich hier regelmäßig meine Sommerferien verbracht.

    @ Claus: Ganz sicher kann man sich nie sein, das ist schon richtig.

    @ nina: Ein paar Pfündchen werden wir uns wohl an die Fleischschürze gepinnt haben. Für den Winter.

    @ lamiacucina: Ich dachte, die liefern das Besteck gleich mit?

    @ Kristina: Knicks, vielen Dank!

  9. 9 Evi 09. Oktober 2010 um 12:11 Uhr

    Mensch, soviel kulinarisches Frankreich und dann wart ihr nicht in Villedieu-les-Poêles! ;) Der ganze Ort besteht aus Kupferschmieden und ist ein wahres Kupferpfannen/Sauteusen/Geraffel-Einkaufsparadies. Mein Vater bekommt zuckende Finger bei der Erwähnung des Namens gefolgt von einem „Damüssenwirwiedermalhinichbrauchnochnepfanne!“

    Ich hab dann mal Normandie- und Bretagneheimweh und sabber deine Fotos an. :)

  10. 10 Tomas Andersson 16. Oktober 2010 um 2:07 Uhr

    Was soll denn das hier? Ich find das echt nicht ok, was ihr hier treibt!

  11. 11 ilse aus Minga 16. Oktober 2010 um 12:59 Uhr

    klingt echt anstrengend all das Essen und Strand und Märkte – hätt ich keinen Bock drauf – KREISCH!!!

  12. 12 Schnick Schnack Schnuck 16. Oktober 2010 um 19:21 Uhr

    @ evi: Ich glaube, der Ort wurde anhand von Sehenswürdigkeitshinweisen sogar ausgeschildert. Ich dachte allerdings, da ginge es um Töpferware und war wenig interessiert.

    @ Tomas: Wie meinen?

    @ ilse: Wir haben uns wacker geschlagen, oder?

  1. 1 Französische Urlaubsküche: Aquitaine « Schnick Schnack Schnuck Pingback am 11. Oktober 2012 um 8:11 Uhr
  2. 2 Französische Urlaubsküche: Aquitaine « Schnick Schnack Schnuck Pingback am 11. Oktober 2012 um 8:18 Uhr
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