Haben Foodblogger die Macht?

AufzugMacht, das ist ein harsches Wort, oder? Die Frage stellte aber Sabine von Hamburg kocht!, als sie heute Ulrike, Monambelles und mich als Tratschweiber der Foodblogfraktion einlud. Das ganze fand im Rahmen eines Bildungsurlaubs unter dem Titel „Hamburg Kulinarisch“ in einem Seminarraum der Volkshochschule in Hamburg statt. Das Kursprogramm lag mir leider vorab nicht vor, vielleicht können die anderen Teilnehmer dazu noch entsprechendes Informationsmaterial bereitstellen.

Das Plenum war größer als ich erwartet hatte und zeigte sich rege beteiligt. Nach einer kurzen Vorstellung verflog die Zeit mit technischen Einführungen zum Blog, wie ist er aufgebaut, wie bekommt man da die Bilder rein, wer kommentiert was und wie, warum macht man sowas überhaupt und ob man jetzt anders esse etc. Das waren offensichtlich ganz grundlegende Fragen, die es zunächst zu klären galt. Zum eigentlichen Kern des Themas kamen wir vor der Pause also tatsächlich viel zu kurz, oberflächlich, das hatte ich mir anders vorgestellt, auch wenn die Teilnehmer selbst sicherlich noch einiges zu bereden hatten. Die Zeit nehme ich mir jetzt, denn das Thema ist hochspannend.

LeerstandNein, hamwa nicht, waren wir uns bei erster Betrachtung eigentlich einig. Ist ja bloß ein Hobby. Auf diese Weise kann man sicher nicht die Welt verbessern und in missionarischer Ereiferung möchte ich mich zum Thema Ernährung auch gar nicht äußern. Es gibt genug Essgestörte da draußen und es sollte eben nicht darum gehen, wer was essen darf und was nicht. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden, auch wenn es sicherlich einiges zu beachten gilt, wie der letzte Kochevent The Real Deal deutlich machte. Fragwürdige Zusatzstoffe und die industrielle Nahrungsmittelproduktion sind nicht zuletzt deshalb ein hochpolitisches Thema, weil man seitens der Industrie augenscheinlich überhaupt nicht an Transparenz interessiert ist. Man schweigt und verweist auf die Verantwortung der Verbraucher. Das ist bei aller Augenwischerei der blanke Hohn und macht mich wütend. Denn mit dieser Argumentation spielt man das Konsumentenvieh zum dummen Preisknüllertrottel herunter. Billich willich. Nein, da verdreht man Argumente und zwar auf ganz perfide Art und Weise. Die Informationsholschuld, die hat der Verbaucher. Es heißt ja nicht umsonst „Bewusste Ernährung“. Der mündige Bürger ist selbst verantwortlich für seine politische Meinungsbildung, ansonsten kaute man bloß Kompromissweisheiten wider und gerät zum Spielball handfester Interessenskonflikte. Purer Aktionismus also und ganze Bürgerbewegungen lassen sich so instrumentalisieren. Da funktioniert Lobbyarbeit, nämlich mit gezieltem Einsatz und Umgang von Informationen zur Durchsetzung bestimmter Ziele. Spin Doctors. Ein Riesengeschäft, von Milliarden gefördert und außerordentlich gut vernetzt mit dem klaren Ziel, Meinungen zu formen und Interessen durchzusetzen. Weitestgehend unkontrolliert, Lobbycontrol setzt da trotzdem an.

Politikverdrossenheit, die da oben machen ja eh was sie wollen? Das ist sicherlich nicht der Grund dafür, warum das Thema hier nicht schon längst mal derart aufs Plateau gehieft wurde. Macht, um zum Titel zurückzukommen, ließe sich die mit einem Foodblog ausüben? Aufklärung, ja, portionsweise serviert eben. Positionierung und ein Stück weit Flagge zeigen, wenns gerade mal brennt. Aufmerksamkeit generieren und strategisch zu kanalisieren, das funktioniert auch im Internet. Das ist sogar ein richtiges Geschäft und für Spezialisten der Suchmaschinenoptimierung (SEO) gängige Praxis, wenn es bloß darum geht ein paar Blumen, Klamotten, weißnichtwasnoch unters Volk zu bringen. Genau darum hinterfragen auch sie ihre politische Verantwortung. Ob Wahlkampf, Stuttgart 21, Atomauststieg oder Transparenz der Lebensmittel – überall wird bereits mit diesen Mitteln gearbeitet und zwar von allen Seiten.

Kann das mein Foodblog, oder deiner, auch? Vielleicht hatte ich sowas ein wenig im Hinterkopf, als ich mich bei diesem Provider Blogsport anmeldete Ganz klar ist aber, so einfach funktioniert das nicht. Kurzfristige Effekthascherei sollte darüber nicht hinwegtäuschen. Linkaufbau und Platzierung in der diffusen Aufmerksamkeitswolke des www und deren Transformation in gesellschaftliche Prozesse erfordern explizit strategische Ausrichtung. Bündelung von Kompetenzen, Netzwerke und dann können auch sogenannte Google Bombs zünden. Huch, politische Verantwortung? Klingt aber besser als Macht, oder? Die haben nämlich nicht bloß DIE anderen, aber wem erzähl ich das eigentlich?

Mitten in Hamburg

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10 Antworten auf “Haben Foodblogger die Macht?”


  1. 1 Kaoskoch 29. Oktober 2010 um 23:04 Uhr

    Hab‘ gerade noch mal geschaut – laut Postausgang habe ich Euch allen am 20.10. um 23.01 Uhr das Programm zugeschickt. Blieb vielleicht im Spam-Filter hängen, da ich eine freenet-Adresse habe.

    Der letzte Tag stand unter der Fragestellung „Welche Möglichkeiten haben wir als Verbraucher und Konsumenten, Einfluss auf die Produktion von Lebensmitteln zu nehmen?“, und da gehören für mich Foodblogs einfach mit dazu, gerade auch im Sinne der politischen Verantwortung des Einzelnen (was nicht heißt, dass Foodblogs per se politisch sind). Ein Fazit zogen am Ende alle Teilnehmer: Wir müssen wieder mehr politische Verantwortung übernehmen; wacher / aufmerksamer werden; Kompetenz zurück gewinnen, die wir uns von Industrie / Politik nehmen ließen; bewußter einkaufen; die Welt mit kleinen Schritten ändern; politisch aktiver werden. So wünscht sich das doch der Politische-Bildungs-Arbeiter ;o)

    Eigentlich sollte es vor Eurem Kommen eine Einheit zum Thema „Foodblogs – was ist das? Geht von ihnen wirtschaftliche / politische Macht aus?“ geben, und das Gespräch mit Euch sollte dann unter der Fragestellung „Verändern Foodblogs unser Konsumverhalten?“ stehen. Das ging aber total verquer, weil die Einführung entfallen musste, da wir den Vormittag über bei Fruchtimporten und den Arbeitsbedingungen auf Bananen- und Kaffeeplantagen länger brauchten – war halt ein sehr diskussionsfreudiges Plenum. Wir schafften in der Woche insgesamt knapp 2/3 dessen, was wir uns inhaltlich vornahmen … Ist so rum aber dann auch wieder schöner, als Teilnehmer zu haben, die man durch die Woche ziehen muss.

    Veranstalter war übrigens nicht die VHS, die stellte nur die Räumlichkeiten. Veranstalter war Arbeit und Leben.

  2. 2 Nisa 30. Oktober 2010 um 18:16 Uhr

    Ich denke Blogger haben auf jeden Fall Macht insofern, dass sie Meinungsführer sind und zur allgemeinen Meinungsbildung beitragen können.

  3. 3 Schnick Schnack Schnuck 31. Oktober 2010 um 8:39 Uhr

    @ Kaoskoch: Danke für die Ausführung.

    @ Nisa: Meinungsführer? Das wage ich doch stark zu bezweifeln.

  4. 4 Bolliskitchen 01. November 2010 um 19:34 Uhr

    Meinungsführer, besser nicht, wenn ich mir manchmal das Niveau der dt. Blogs anschaue, hoffe ich für Deutschland nicht….
    Sehe ich doch immer noch Thunfisch, Erdbeeren im Winter, Fleisch abgepackt aus dem Supermarkt etc. auf den Blogs.

  5. 5 Schnick Schnack Schnuck 03. November 2010 um 6:48 Uhr

    @ Bolliskitchen: Ulrike hatte in diesem Zusammenhang auch nochmal auf den Zusatzstoff Carrrageen in Sahne hingewiesen. Sowas dürfte schon häufiger thematisiert werden, findest du nicht?

  6. 6 kulinaria katastrophalia 05. November 2010 um 3:28 Uhr

    Jetzt stellt sich doch die spannende Frage wieviele jetzt einen Blog (bei einem selbstverständlich verantwortungsvollen Provider ;-) ) anlegen werden, um das Erlernte in die Tat umzusetzen.

  7. 7 Schnick Schnack Schnuck 05. November 2010 um 6:08 Uhr

    Das interessiert mich auch. Kaoskoch, bekommst du dazu von den Teilnehmern Rückmeldungen?

  8. 8 Kaoskoch 05. November 2010 um 23:05 Uhr

    Eher nicht, es sei denn, zufälligerweise ist noch mal jemand in einem anderen BU. Nachtreffen sind bei BU in HH unüblich. Ich hoffe, insbesondere die Dame, die mehrfach nachfragte, was man denn beim Bloggen verdienen könne, kündigt nicht sofort vor Begeisterung ihren Job ;o)

  9. 9 Susa 10. November 2010 um 21:03 Uhr

    Tratschweiber der Foodblogfraktion? *hahaha* Das darf mein Grieche nicht lesen, dann lacht er mich nur noch aus.

    Die Fragestellung hat auf jeden Fall Potential, aber für eine knackige Diskussion war es das falsche Forum. Da sehe ich eher Foodblogger im Gespräch mit Vertretern der Nahrungsmittelindustrie, Werbung & PR und regelmäßigen Lesern. Die saßen uns an diesem Tag nicht gegenüber.

    Wahrscheinlich waren wir drei uns auch zu einig; andere Foodblogger haben sicherlich ein größeres Sendungsbewusstsein und fühlen sich als Meinungsführer berufener.

    …und kurz noch Dorfklatsch: Die Kachelwand vom Fischmann besteht nach wie vor, ist ganz nett geworden, nicht wahr?

  10. 10 Kaoskoch 11. November 2010 um 23:05 Uhr

    -> Tratschweiber der Foodblogfraktion?

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